Nachdem 2017 mit der Euro4-Norm das Ende für Yamahas 660er Ténéré kam, schien es, als käme da auch in absehbarer Zeit nichts mehr. Ein Trauerspiel für alle Fans der leichten und robusten Einzylinder-Reiseenduros von Yamaha.
Umso größer war die Freude, als auf der EICMA 2016 eine Studie namens „T7 Concept“ enthüllt wurde, die die Basis für eine neue Ténéré bilden sollte.

Ende 2018 schließlich wurde die Ténéré 700 für die Saison 2019/2020 angekündigt.
Die Eckdaten passten schon einmal gut zu einer Mittelklasse-Enduro, die andere Wege gehen finden könnte als die schweren, mit Elektronik vollgepackten und leistungsmäßig hochgezüchteten SUVs auf zwei Rädern, wie sie die Konkurrenz baut:
204 Kilo vollgetankt und fahrbereit, 74PS (Preisfrage: Wie viele andere A2-taugliche vollwertige Enduros fallen Euch ein?), 210/200mm Federweg, ein abschaltbares ABS und ein 16l-Tank sind alles, was man für die Abendrunde auf der Hausstrecke oder die Fernreise jenseits asphaltierter Straßen braucht – das Gute kann so einfach sein.

Nach dem Testfahrt-Event in Niedereschach gab es nun quasi vor unserer Haustür ein Event für Yamaha-Händler in Form einer dreistündigen geführten Tour im Waldecker Land und am Edersee. Ich hatte das Vergnügen, für Zweirad Schira und für Euch als unsere Kunden teilnehmen zu dürfen. Meinen Eindruck von der Ténéré 700 will ich Euch nicht vorenthalten:
Zuerst einmal muss ich einfach erwähnen, wie erwachsen und wertig unsere Vorserien-Testmodelle daherkommen. Spaltmaß war einmal, billige Plastikteile sowieso. Alles wirkt solide und ordentlich verarbeitet, ein echtes Highlight ist die Doppelscheibenbremse von Brembo, die der ohnehin schon sehr guten Leistung der Bremsanlagen der bisher bekannten Modelle mit dem CP2-Motor noch eins obendrauf setzt. Auch die einstellbare USD-Gabel und der völlig neu konstruierte Rahmen zeigen,dass Yamaha bei diesem Motorrad keine Kompromisse eingegangen ist.
Dennoch orientiert sich die Ténéré 700 in der Formensprache an ihren Vorgängerinnen: Die gerade herabgezogene Kühler-Seitenverkleidung etwa und die nach hinten verbreiterten Seitendeckel zitieren deutlich die altehrwürdigen Ahnen, die Yamaha’s Enduro-Modellen den Beinamen „Ténéré“ in vielen Rallye-Siegen eingefahren haben.
Ein weiterer Hinweis auf den Anspruch der Ténéré 700 als Erbin dieser Geschichte findet sich in der im Rallye-Stil gehaltenen Frontverkleidung mit LED-Beleuchtung und Cockpit in Roadbook-Optik mit serienmäßiger Navi-Vorbereitung und Bordsteckdose. Auch der serienmäßige Alu-Motorschutz muss sich keineswegs verstecken, wirkt er doch stabil und verdeckt alles, was vor Steinschlag geschützt werden will.
Natürlich sind keine Alu-Gussfelgen mit Straßenreifen montiert, sondern Drahtspeichenfelgen, die – wie von der XT1200Z bekannt – mit Schläuchen bestückt sind. Vorne 21 Zoll, hinten 18 Zoll. Die serienmäßigen Pirelli Scorpion Rallye machen sowohl im Gelände als auch auf Asphalt und in Schräglage eine gute Figur, wie auch die ganze Maschine.

Genug Theorie und Bewunderndes um die Maschinen, wir wollten fahren. Also aufsitzen (mit knapp 1,80 fühle ich mich auf der Standardsitzhöhe von 87,5cm dank der schmalen Sitzbank durchaus wohl) und die Motoren starten. Für die Euro4 recht überraschend aber umso erfreulicher: Der CP2-Motor bollert angenehm kräftig,aber nicht zu laut aus dem Endtopf, insbesondere beim Gas Wegnehmen. Unser Tourguide Johannes scheuchte uns um die Edersee-Randstraße, kleine gewundene Mittelgebirgssträßchen rauf und runter, durch langgezogene Bundesstraßenkurven und Haarnadelkehren, über frisch geglätteten Asphalt und üble Buckelpisten im Waldecker Hinterland. Persönlich fahre ich auf kleinen Straßen einen eher entspannten Stil und hebe mir das Vollgas für lange Kurven und deren Ausgänge auf, das hier war für mich also schon ambitionierter. Trotzdem hatte ich nie das Gefühl, auf einem unbekannten Motorrad mit unberechenbarer Charakteristik zu sitzen – im Gegenteil: Die Ténéré 700 vermittelt ihrem Fahrer jederzeit viel Sicherheit. Gas wegnehmen und scharfe Bremsmanöver vor und auch in Kurven verzeiht die Maschine, lange Bodenwellen werden komplett ausgebügelt. So würde sich also Asphalt ohne Wellen und Schlaglöcher anfühlen, gar nicht schlecht!
Auch die Serienbereifung fährt sich ausgezeichnet, obwohl ihr grobes Profil zunächst anderes erwarten lässt. Für Stollenreifen übliche Laufgeräusche kamen nie auf, in tiefer Schräglage hat immer ein sicheres Gefühl für den Grip der Reifen, es gibt kein Rutschen oder Holpern. Lediglich die Gasannahme ist etwas ungewohnt: Der CP2-Motor ist für die Ténéré 700 von Yamaha in Hinsicht auf Drehmomententfaltung aus dem Drehzahlkeller optimiert worden und tritt enorm kräftig an, was einem den ein oder anderen Schlag in den Rücken bescheren kann,wenn man eine unsensible Gas Hand walten lässt. Andererseits hängt der Motor extrem drehfreudig und gierig am Gas. Der CP2 ist schon in der MT07, Tracer700 und XSR700 eine Offenbarung, in der Ténéré 700 fehlen einem die Worte. Selten war ein Zweizylinder so stark im mittleren und oberen Drehzahlbereich,so willig im Ausdrehen der Gänge und gleichzeitig so angenehm vibrationsarm. Ein leichtes Kribbeln in Händen und Füßen stellt sich zwar um die
6000U/min ein, hört aber auch schnell wieder auf.

Auch die Sitzposition und der Windschutz passen einfach ausgezeichnet. Weder leidet man unter einem unbequemen Kniewinkel oder zu weit entferntem Lenker, noch dröhnt und donnert es unter dem Helm. Man sitzt angenehm aufrecht und leicht vorderradorientiert, der Fahrtwind lässt sich bis an die 100Km/h gut bei offenem Visier aushalten und kühlt eher, als dass er stört. Selbst bei Geschwindigkeiten jenseits der 150Km/h bleibt bei geschlossenem Visier alles im grünen Bereich. Auch die schmale und flache Sitzbank bietet deutlich mehr Komfort, als man angesichts der Optik glauben sollte: Ich jedenfalls sitze ähnlich gut wie auf der Komfort Sitzbank meiner XT1200; das will etwas heißen. Mein persönliches Resümee zur Ténéré 700: Man spürt, dass es ein rundum durchdachtes Motorrad ist und nicht etwa eine hochbeinige MT07.
Mit diesem Motorrad kann man in Nordhessen durch den Kaufunger Wald wedeln, eine Weltreise unternehmen oder es einfach vor dem Lieblings Café bewundern, Ténéré 700 macht immer eine ausgezeichnete Figur.
Abgesehen davon ist sie gerade in „competition white“ dank der Zweifarblackierung einfach bildschön anzusehen. Dieses Motorrad ist definitiv eine würdige Ténéré.